Sommerzeit und der Umgang mit alternativen Fakten

Der September ist dieses Jahr für mich sehr schön!
Mit den kürzeren Tagen kommt die Gemütlichkeit, sich zu Hause einzukuscheln und die langen Abende zu geniessen.
Dann wieder scheint tagsüber die Sonne so schön, daß man noch mal gern Draußen oder im Grünen ist.
Übergangszeit.
Der frühere Abend bereitet uns auf den nahenden Herbst vor.

Leider geht es meinen Kollegen und Kolleginnen mehrheitlich wohl grad nicht so gut.
Bei vielen von ihnen und auch bei einigen Menschen im Freudeskreis beobachte ich seit Anfang September zunehmend Müdigkeit, Unkonzentriertheit und seit mehreren Tagen fällt mir zunehmende Gereizeitheit auf.
Das hatte ich schon letztes Jahr bemerkt.
Das ist nach meiner Erfahrung alles noch steigerungsfähig bis Ende Oktober.
Dann sind viele oft recht streitlustig.
Eine Lektion, die ich mir für dieses Jahr gemerkt habe.

Da ich es auf der Arbeit oft steuern kann, wann Arbeits-Treffen statt finden, versuche ich meine Termine möglichst normalzeit-kompatibel zu legen.
So starte ich gern um 9:00 Uhr Normalzeit, was umgerechnet in der MESZ (mitteleuropäische Sommerzeit) 10:00 Uhr bedeutet.
Oft habe ich es dann auch mit etwas ausgeschlafeneren Kollegen zu tun, da sie ihrerseits oft an dem Tag auch nicht früher anfangen zu arbeiten.
Bei Arbeits-Treffen die von anderen Kollegen geplant sind und bereits um 7:00 Uhr Normalzeit (= 8:00 Uhr MESZ) statt finden, habe ich lauter müde Gestalten am Tisch.
Selbst 8:00 Uhr Normalzeit (= 9:00 Uhr MESZ) schient für viele Kollegen inzwischen nicht mehr der rechte Arbeitsbeginn zu sein.
Im Grunde sind diese Stunden verschwendete Arbeitszeit, da andauernd wiederholt werden muss, verdeutlicht werden muss und Entscheidungsprozesse sich hinziehen.
Wenn Leute aus der Wirtschaft wirklich für dauerhafte MESZ sind, dann mal viel Spaß bei solchen müden Entscheidungsrunden mit unkonzentrierten Kollegen.
Und wie kritisch muss das erst sein bei sicherheitsrelevanten Arbeiten in der Technik oder in der Fabrik, wenn die Arbeiter unausgeschlafen und unkonzentriert sind…

Doch warum sind sie denn so unausgeschlafen und unkonzentriert?
Könnten doch früher zu Bett gehen.
Tun aber die wenigsten gern.
Wer glaubt, dass er um 8:00 Uhr MESZ anfängt zu arbeiten, beginnt in Wirklichkeit (in Bezug auf die Sonnenlicht-Zeit) schon um 7:00 Uhr Normalzeit.
Abends ist so Jemand müde, doch wird das oft nicht mit zu frühen Aufsteh-Zeiten in Verbindung gebracht, denn offiziell steht man ja in der MESZ anscheinend gar nicht zu früh auf.
Sage ich einem Kollegen aber, daß er real (in Bezug auf  die Sonnenlicht-Zeit) dieses Arbeitstreffen um
7:00 Uhr hat statt um 8:00 Uhr MESZ und erkläre ihm die Zusammenhänge, dann blitzt oft die Einsicht auf.
Gerade in den Übergangszeiten April-Mai und September-Oktober ist das für Viele ein hartes Brot in der MESZ-Verwirrung leben zu müssen.
Bereits im letzten Artikel habe ich beschrieben, wie verwirrend das ist, in der verkehrten Zeit zu leben.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich bis zum letzten Jahr an mir und meiner Leistungsfähigkeit zweifelte, weil ich immerzu müde und erschöpft war ab Mitte August.sad-3187671_by_Snapit_pixabay_lizenz_cc0
Aber auch im April und Mai ging es mir oft nicht gut und ich war merkwürdig müde, statt fröhlich den Frühling zu geniessen.
Das nagt an einem und ich dachte, ich habe vielleicht eine Depression.
Oder ich würde eben älter und das Müde-sein gehört dazu.
Natürlich fragte ich mich auch, wie das erst werden soll, wenn ich wirklich alt bin und noch arbeiten muss.
Insgesamt war mein Selbstvertrauen auf dem Tiefpunkt.
Ich zweifelte an mir und brachte es in früheren Jahren nicht mit der verdrehten Zeit in Verbindung.

Was macht das mit Menschen, wenn sie sich hier selbst etwas vorgaukeln?
Viele sind oft erschöpft und müde oder unkonzentriert.
Nicht wenige werden krank.
Der Glaube an sich und die eigene Leistungsfähigkeit kriegt einen Knacks.
Und das Vertrauen in der Welt gut bestehen zu können lässt nach.
Dazu kommt die zunehmende Gereiztheit.

Kann ein Mensch sich an den „alternativen Fakt“ einer Art von Uhrzeit gewöhnen, die sich nicht an der Sonnenstand-Zeit orientiert aber dennoch deren Messinstrument, die Uhrzeit, verwendet?

Was macht es mit einem Menschen, der in der Mitte des Tages daran glauben soll, daß es bereits schon nach der Mitte des Tages ist – laut seiner „Sommerzeit“?

Wie geht es Menschen, die niemals eine feste Gewissheit entwickeln konnten im Hinblick auf die Zeit und den Sonnenstand und in eine Synchronizität zwischen Sonnenstand und Uhrzeit?
Die – ganz im Gegenteil – die Uhr-Zeit ganz unabhängig von dem Sonnenstand und physikalischer Grundlagen hin und her stellen?
Mal gilt die physikalische Zeit, dann wieder nicht.

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Durch die „Sommerzeit“ haben wir die Zeit abgekoppelt von physikalischer Sonnenstand-Zeit und sie zur reinen Strukturierung des Tages umgewidmet.
Diese Art der rein strukturgebenen Zeit ist etwas anderes als die Sonnenstand-Zeit.
Sie nutzt aber das selbe Mess-Instrument: die Uhr.

Und hier fängt die Verwirrung an.

Hierzu ein Ausschnitt aus Orwells „1984“ an den ich mich derzeit oft erinnere:
Wenn die Partei sagt, dass 2 + 2 = 5 ist, dann ist es so.
Es genügt auch nicht, es nur zu sagen und dabei zu lügen, man muss es wirklich glauben.
Wird behauptet, dass 2 + 2 = 5 ist und wenn die Menschen es glauben, dann ist es so.
Andererseits wird auch eingeräumt, dass es z. B. für wissenschaftliche Zwecke mitunter schon erforderlich sei, zu wissen, dass 2 + 2 = 4 ist.
Hier setzt dann das eigentliche Zwiedenken ein, da vom linientreuen Parteimitglied verlangt wird, zwischen „zwei Wahrheiten hin- und herzuschalten“ (in einem Moment 2 + 2 = 5, im nächsten 2 + 2 = 4), ohne sich dessen bewusst zu sein.
Eine objektive Wahrheit gibt es nicht mehr.
„Die Wirklichkeit spielt sich im Kopf ab. … Es gibt nichts, was wir nicht machen könnten. … Sie müssen sich von diesen dem neunzehnten Jahrhundert angehörenden Vorstellungen hinsichtlich der Naturgesetze freimachen.
Die Naturgesetze machen wir.“

2 + 2 = 5 ist keine Rechenaufgabe und kein mathematischer Trick, sondern eine Aussage, die in der Geschichte der Aufklärung eine wichtige Rolle spielte:
Wer bestimmt, was die Wahrheit ist?
Wer bestimmt, was Offiziell ist, wer hat die Macht über Fake News oder alternative Fakten?
(Zitat: https://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman) )

Dieses konstante, subtile und bedrohliche Gefühl, daß etwas grundsätzlich nicht richtig ist – das ist weg seit ich dauerhaft in Normalzeit lebe.

 

Vierundvierzigster Tag in der Normalzeit – Kommt das Ende der Zeitumstellung wirklich?

Wird in der EU wirklich schon bis April 2019 für jede Nation entschieden sein, mit welcher Zeitzone sie leben wollen?
Und wird die Zeitumstellung dann wirklich abgeschafft?

Es scheint in Europa eher ersten Widerstand dagegen zu geben.

Es benötigt aus Sicht verschiedener Staaten mehr Zeit, um abzuwägen, welche Zeitzone die sinnvollste für das jeweilige Land wäre.

Griechenland wünscht sich sogar die Beibehaltung der Zeitumstellung.

Es scheint in der EU also noch Diskussionsbedarf zu geben.

Liest man die Präferenzen von führenden Politikern wie Herrn Altmeyer, der eine dauerhafte osteuropäische Zeitzone für unser mitteleuropäisches Land gut fände, dann beschleicht mich Sorge.

Tatsächlich würde ich es eher bevorzugen, die Zeitumstellung beizubehalten statt dauerhaft in der falschen Zeitzone am falschen Ort leben zu müssen.

Dann gäbe es wenigstens phasenweise die Möglichkeit für mich als privaten Normalzeitler im zeitlichen Gleichtakt mit meiner Gesellschaft zu leben, was z.B. bei Ladenöffnungszeiten sehr hilfreich ist.

Und natürlich ist es auch ein schöneres Gefühl, mit der Bevölkerung die gleiche Zeit zu haben.

Tatsache bleibt jedoch, daß die Zeitumstellerei mindestens ebenso belastend ist, wie das dauerhafte Leben in der falschen Zeitzone ohne den Ort zu wechseln.

Insbesondere Arbeitnehmer, die keine Wahl haben für ihre Arbeitszeiten und die an Präsenzzeiten gebunden sind, sollten eine Lösung erhalten, die ihnen die Gesundheit erhält.

Die Bundeszentrale für politsche Bildung beschäftigt sich auch mit der Flexibilisierung der Arbeitzeitmodelle in Deutschland.

Sie schreibt u.a. „dass Zeitsouveränität seitens der Beschäftigten auch im betrieblichen Interesse sein kann, wird von Arbeitgeberseite häufig unterschätzt. Mit flexibleren Arbeitszeitmodellen, die auch den Arbeitnehmern Optionsmöglichkeiten hinsichtlich der Dauer und der Lage der Arbeitszeit einräumen, können erhebliche Wettbewerbsvorteile und Produktivitätsgewinne erzielt und kann gleichzeitig den individuellen Interessen der Beschäftigten entsprochen werden.“


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Ich denke, im Rahmen der Diskussion um die Abschaffung der Zeitumstellung und der Entscheidung zur Festlegung der Zeitzone, die für die jeweilige Nation gelten soll, ergibt sich konsequenterweise auch eine Diskussion um flexiblere Arbeitszeitmodelle.

Für den Arbeitnehmer hängt beides unmittelbar zusammen.

Der eine Mensch will früher Feierabend haben, der andere will real nicht noch früher als eh schon aufstehen müssen.

Hier müssten die Lösungen gesucht werden.

Dann könnte ein Sommerzeit-Fan in der Normalzeit einfach etwas früher aufstehen und früher Feierabend machen, damit er länger Sonne hat im Sommer.

Aber deswegen muss nicht gleich die ganze Bevölkerung eine Stunde früher aufstehen.

Insbesondere Frühschicht-Arbeiter sind besonders betroffen davon, wenn sie die despair_geralt_pixabay_lizenz_cc0Uhr eine Stunde vorstellen müssen und noch früher hoch müssen, als eh schon.

Schiesslich besteht unsere Bevölkerung nicht nur aus Gleitzeitlern oder Selbständigen.

Und nicht überall ist vielleicht eine Flexibilisierung möglich, grad in der Produktion.

Hier sollte der Gesundheitschutz Vorrang haben und die Situation der Arbeitnehmer in der Frühschicht nicht noch verschärft werden durch das Leben nach der osteuropäischen Zeit in Deutschland.

Denn nichts anderes ist die songenannte „Sommerzeit“: das Leben nach der osteuropäischen Zeit in einem mitteleuropäischen Land.

Ich hoffe nur, diese Verrücktheit findet bald ein Ende und die Vernunft setzt sich wieder durch bei den Entscheidern.

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