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Achtzehner Tag in Normalzeit

Die letzten Tage waren sehr arbeitsreich und ich habe beschlossen, nach 14 Tagen bloggen, nun in größeren Abständen zu posten.
In den letzten 4 Tagen war ich viel in der Stadt unterwegs und hatte viele Termine.
Zum Feierabend ging’s dann noch zum Einkaufen oder ich habe mich mit Freunden getroffen.

Die Dauerkonfrontation mit den unterschiedlichen Zeiten ist weiterhin eine Übungssache.
Vor 3 Tagen habe ich meine Armbanduhr aktiviert.
Ich habe sie ehrlich gesagt noch nie getragen, da ich kein Uhren-Fan bin.
Die Uhr hat ein analoges Ziffernblatt, ist eher unauffällig und läuft in Normalzeit.
Sie hilft mir, mich gleich wieder zu entspannen, wenn ich zu oft auf die Straßenuhren oder Bürouhren geguckt habe und dieses subtile Anspannungsgefühl wieder hoch kriecht.
Da ich ansonsten alle Arbeitstermine in 2 Kalenderblättern führe, eines in MESZ und eines in Normalzeit, habe ich damit weiterhin keine Probleme und es läuft gut.
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Will ich nach Feierabend noch was einkaufen, dann kann es schon vorkommen, daß ich auf dem Heimweg bei meinem Einzelhändler reinschauen will und mir Zeit lasse, denn es ist ja erst 16:45 Uhr.
Stehe ich dann um 17:15 vor seiner Ladentür, ist die zu.
Er macht um 18:00 Uhr MESZ zu. Leider.
Und ich habe mich voll vertan mit den beiden Uhrzeiten…
Auch mit Freunden ist es mir schon passiert, daß wir uns zum Essen um 19:00 Uhr verabredet haben und ich aus ihrer Sicht erst um 20:00 Uhr da bin.
Ich habe mir nun zweierlei vorgenommen:

1. Ladenschließzeiten
Für mich heißt es nun: während der MESZ schließen aus meiner Sicht mein Einzelhändler und andere kleine Läden schon um 17 Uhr. Dafür öffnen sie aus meiner Sicht in der MESZ schon um 7:00 Uhr morgens.
Also: von 7:00-17:00 Uhr aus meiner Normalzeit-Sicht während der MESZ.
Kann man sich gut merken.

2. Verabredungen mit Freunden
Die Verabredungen mit Freunden trage ich nun mit ein in meinen Arbeitskalender mit den 2 Blättern für jeden MESZ-Monat.
Und obendrein in meine Kalenderapp in Normalzeit plus MESZ-Uhrzeit in Klammern gesetzt und mit Erinnerungsfunktion 2 Stunden früher.

Das mache ich seit Heute.
Und heute zumindest war ich pünktlich bei meinem Einzelhändler.
Zum Glück haben die großen Geschäfte teils wesentlich länger auf.
Da ist es egal, ob ich um 17:00 oder 18:00 oder 19:00 Uhr komme.
Sonst hätte ich wohl schon etwas Terminnot mit dem Einkaufen.

Nach wie vor lohnt sich all das weiterhin für mich.
Ich bin seit der privaten Normalzeit-Einführung entspannt, selbst wenn es mal streßig wird oder ich mal nicht so ausgeschlafen hab, weil ich so lange gelesen hab.

restaurant-690975_by-FreePhotos_pixabay_lizenz_cc0Letztens hatte ich ein Treffen mit ein paar Freunden.
Eine von ihnen arbeitet im Krankenhaus.
Sie erzählte, es sei ihr aufgefallen, daß enorm viele Menschen Diabetes haben und fragte sich woran das liegen könnte.
Sie sei der Meinung, früher habe es nicht so oft Diabetes gegeben.
Ich erzählte von dem Zusammenhang der MESZ-Einführung und dem Anstieg von Diabetes Mellitus-Typ-2 seit dem.
Der Partner einer Freundin meinte, das sei ja logisch, denn dann haben ja alle Menschen abends eine Stunde länger Zeit Chips zu essen.
Lustig war’s schon.
Ich habe das nicht weiter vertieft.
Er ist Akademiker, an tagesaktuellen Themen interessiert und hatte die Diskussionen um die Folgen der Zeitumstellung sicher mitverfolgt.
Da bislang nur 3 Menschen wissen, daß ich ein Normalzeit-Experiment mache, habe ich keine Lust gehabt, das Thema noch weiter zu verfolgen.
Denn diese Freunde habe ich bislang nicht eingeweiht und will es auch noch nicht tun.
Doch diese Szene war typisch dafür wie ich oft den Umgang mit den Folgen der Sommerzeit auf die Gesundheit der Menschen erlebe: es wird nicht ernst genommen, selbst von Menschen, die es besser wissen könnten, würden sie es wollen.
Es erinnert mich an den Widerstand der Raucher gegen das gesundheitliche Bedürfnis der Nicht-Raucher in Restaurants.
Im Grunde ist ein typisches Verhalten des Nicht-Ernst-Nehmens, wenn eine Minderheit gefühlt im Recht ist aber die Mehrheit gegenteilig handelt und handeln will.

Ich wollte schon schwarz sehen für meine Hoffnungen, daß sich in der Bevölkerung doch noch ein gesunder Menschenverstand durchsetzen könnte in Bezug auf Zeit und Ort und Sonnenstand.
Doch dann hatte ich heute eine schöne Begegnung.
Ich ging in ein Uhrengeschäft, da mein funkloser Schlafzimmer-Wecker so laut tickt und ich deswegen einen anderen brauche.
Neben mir war ein Kunde, der auch Wecker anschaute.
Ich bat die Verkäuferin um einen Wecker, der nicht tickt und kein Funk-Wecker ist.
Als sie mir ein Modell vorführte und dafür die Uhrzeit auf MESZ drehen wollte, sagte ich, das bräuchte sie nicht tun, ich bräuchte ihn für die normale Zeit.
Da outete sich der Kunde neben mir, er wolle aus genau dem gleichen Grund einen Wecker ohne Funk.
Ich war natürlich hocherfreut, denn ich fühle mich so exotisch mit meinem Normalzeit-Experiment, da ich keine Menschen persönlich kenne, die auch so leben.
Der Arzt, Herr Hilgers, ist mir zwar ein Vorbild und Ansporn bei meinem Normalzeit-Experiment, doch ich kenne ihn ja nicht persönlich.
Umso schöner nun diese zufällige Begegnung zu haben mit einem Normalzeit-Fan.
Daraufhin outete sich auch die Verkäuferin, daß sie hofft, dieses Hin-und-Her mit den Uhrzeiten höre ja nun bald auf und wir haben endlich „normale“ Uhrzeiten.

Damit spricht sie mir aus der Seele.
Und ich bin getröstet, nicht allein damit zu sein, und daß es doch noch Hoffnung gibt.

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