Vierzehnter Tag in der Normalzeit

Die Erschöpfungszustände sind weg und bleiben weg!
Sie haben mir all die Jahre in der Sommerzeit das Leben schwer gemacht.
Sie haben mir Lebensenergie geraubt und mich verunsichert.
Ich hatte es auf das Älterwerden geschoben.
Oder gar auf die Wechseljahre – passt ja immer gut für alles….
Ärzte fanden nichts und bescheinigten mir beste Gesundheit.
Das nagt schon an einem, man hält sich irgendwann unfähig für ein normales Leben.
Wie wenn ich irgendwie eine Behinderung hätte.
Und nun sind seit Beginn meines Normalzeit-Experiments diese Erschöpfungszustände wie weggeblasen!
Es lag an der „Sommerzeit“.

Zugleich bin ich erschüttert, welche extremen Auswirkungen das Leben in der falschen Zeit haben kann.
Und ich frage mich, ob es nicht auch Anderen so ergeht.
Tatsächlich könnte ich mir inzwischen vorstellen, daß bei der Einführung der dauerhaften Normalzeit viele der betroffenen und oft ahnungslosen Menschen mittelfristig wieder leistungsfähiger werden und weniger erkranken.
Ihre Lebenszufriedenheit nimmt damit automatisch zu.

Nun soll man ja nicht von sich selbst auf Andere schliessen.
Ich kann nur für mich selbst enorme Verbesserungen feststellen.

In der Normalzeit zu leben bedeutet für mich inzwischen nicht nur, in der Zeit angekommen zu sein die zu meinem Biorhythmus passt, sondern es ist auch ein Gefühl von „Richtigkeit“ da.
Oft kam es mir vorher oft so vor, daß das Leben, die Gesellschaft, die Welt nicht richtig sei.sad-3187671_by_Snapit_pixabay_lizenz_cc0
Irgendetwas liefe gehörig schief.
Es machte mir auch subtil ein Gefühl von Unsicherheit und Angst.
Ohne, daß ich konkret hätte sagen können, woran es liegt.
Auch das ist nun weg!
Dieses merkwürdige Empfinden von Unsicherheit und „nicht-richtig“.

Damit sind politische oder gesellschaftliche Probleme weiterhin vorhanden, ich kenne sie und sehe sie.
Ich ärgere mich auch über sie oder freue mich, wo ich Erfolge sehe.
Aber dieses konstante, subtile und bedrohliche Gefühl, daß etwas grundsätzlich nicht richtig ist – das ist weg seit ich in Normalzeit lebe.
Chronobiologen hätte da sicherlich auch viel Interessantes zu zu sagen.

Neunter Tag in der Normalzeit

September, 12

Einen normalen Arbeitstag  habe ich heute mit Home-Office und ohne Termine mit Kunden.
Ich lebe dann sehr harmonisch in der Normalzeit und es geht mir sehr gut.
Ich merke, daß ich mich besser konzentrieren kann, wenn Ablenkungen auftauchen.

Doch einer Ablenkung kann ich mich heute nicht entziehen.
Die Zeitumstellung ist heute Tagesthema in den Medien und Zeitungen.
Nun ist es also raus: Bis April 2019 sollen sich die Nationalstaaten der EU entscheiden, in welcher Zeitzone sie ihre Uhren zukünftig dauerhaft einrichten wollen.
Ich habe es geahnt, daß es dafür nur einen kurzen Entscheidungsprozess geben wird.
Weil vielleicht schon irgendwo Pläne in den Schubladen liegen…
Weiß ich nicht wirklich, aber es wirkt so.

Ich gucke mir heute verschiedene Artikel und Leserkommentare dazu an.
Es scheint grad eine wundersame Verwandlung vor sich zu gehen, in der ein Großteil der Kommentatoren sich in Chronobiologen verwandelt hat.
Da sind mir schon die Kommentatoren lieber, die einfach nur sagen, was ihnen persönlich besser gefällt, statt aus ihren persönlichen Vorlieben eine Wissenschaft machen zu wollen.
Und dabei oft die wissenschaftlichen Ergebnisse zu ignorieren oder gar zu verdammen, wenn sie einem nicht passen…

Ich hoffe, die Politiker in unserer Regierung schielen nicht nur auf die nächstenberlin-1749721_by-RichardLey_pixabay_lizenz_cc0 Wahlen, sondern kommen bei dieser nationalen Entscheidung ihrer Fürsorge für das Gemeinwohl nach.
Wozu auch der Erhalt der Gesundheit und Leistungsfähigkeit  aller Teile der Bevölkerung gehört.
Und daß politische Entscheidungen der regierenden Politiker auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten getroffen werden.
Und bitte, bitte nie wieder Meinungsumfragen plötzlich als Entscheidungsgrundlage nehmen, die weder repräsentativ sind noch irgendeine Information zu dem komplexen Thema bereit halten, sondern einfach nur unseriös das Bauchgefühl abfragen….

Es deutet ja schon sehr viel darauf hin, daß offenbar die MESZ seitens einiger Politiker in Europa bevorzugt wird.
Anders ist es sonst nicht nachvollziehbar, weshalb die Uhr im März wieder vorgestellt werden soll, trotz der geplanten Abschaffung im April 2019.

Ich muss sagen, die Aussicht dauerhaft in einer völlig falschen Zeit leben zu müssen, bereitet mir richtig Angst.
Denn dann bin ich gezwungen, immer gegen den Strom zu schwimmen.
Es mag sein, daß ich mich noch mehr daran gewöhne, ich tue es ja schon mit jedem Tag mehr, wo mein Normalzeit-Experiment läuft.
Doch es entfremdet mich schon ein wenig meiner Gemeinschaft, in der ich lebe.

nature-3619676_by_Lars_Nissen_Photoart_pixabay_lizenz_cc0Die Angst beruhigt sich ein wenig, weil ich ja zum Glück schon angefangen habe konsequent nach Normalzeit zu leben und sehe, wie gut es mir tut für meine Gesundheit und meine Lebensqualität.
Ich sehe, es geht, daß man unabhängig von der sozialen Zeit lebt.

Aber irgendwie würde bei einer dauerhaften MESZ in mir das Gefühl entstehen, mit lauter Verrückten zusammen zu leben, die sich mit den gesundheitlichen und seelischen Folgen mit einer falschen Zeit rumplagen, ohne dass wirklich eine Notwendigkeit dazu besteht.
Ich habe das Gefühl ja jetzt schon oft, wenn ich in die müden Gesichter vieler meiner Kollegen und Kunden gucke.
Die Vorstellung, daß die regelmäßig einen Feierabend voller Freude mit ihren Hobbies verbringen, fällt mir schwer.
Und einige meiner Kollegen sagen auch, daß sie oft tagsüber müde sind und früh ins Bett gehen aber dann doch nicht gut schlafen.

Bei einer dauerhaften MESZ hat nicht jeder die Möglichkeit, unabhängig davon weiter in einer gesunden Normalzeit zu leben.

Und Familien haben gar keine Chance. Es ist den Kindern gegenüber unfair, ihnen ein Leben zu verwehren, wo ihr junger Biorhythmus im Gleichklang mit dem Sonnenlicht und seiner Intensität steht!
Und es ist unfair gegenüber allen Menschen, die an der Zeitverdrehung erkranken: körperlich, psychisch oder beides zugleich.
fool-140229_by_gerald_pixabay_lizenz_cc0Wie schon gesagt: die Zeiten in denen wir leben, sind verrückt. Wo Lust und Laune wichtiger sind als Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse.
Und bereits gemachte Erfahrungen mit der dauerhaften MESZ wie in Russland einfach in den Wind geschossen werden.
Wer einmal einen Fehler macht, kann draus lernen.
Wer ihn dann bewusst ein zweites mal macht – oder eben die der anderen nachmacht – der ist richtig dumm.

Mein Normalzeit-Experiment entwickelt sich gefühlt grad ein wenig zum Überlebens-Training in einer Gesellschaft, die ganz offensichtlich schon jetzt aus dem Takt geraten ist.